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Lesetipp: Die Jagd

Irgendwann erwähnte meine Sprechtrainerin, dass sie auch einen Krimiautor als Schüler hat. Weil der Verlag der Meinung war, dass das nützlich sei, ehe der Autor mit dem neuen Buch auf Lesereise geht.

Natürlich war ich dann bei der Lesung von Claus Probst in Mannheim und habe mir die beiden Bücher »Nummer zwei« und »Spiegelmord« als Hörbuch (gelesen von Oliver Siebeck) angeschafft. Jetzt ist »Die Jagd« neu erschienen – leider ohne Hörbuchfassung, so dass ich zum gedruckten Werk greifen musste.

Inhalt

Cover Ein Anwalt wird im Wald Zeuge eines Mordes. Natürlich geht er zur Polizei – und erfährt, dass der Täter ein berüchtigter Mafiaboss ist, der ihm für den Fall einer Aussage vor Gericht blutige Rache schwört.

Einziger Ausweg: Das Zeugenschutzprogramm. Alle Kontakte abbrechen, allein in eine fremde Stadt unter fremden Namen, immer in Furcht vor Entdeckung und Ermordung ...

Meinung

Während man die ersten beiden Bücher »Nummer zwei« und »Spiegelmord« durch ihre Handlung in Mannheim und Umgebung auch als Regionalkrimi hätte vermarkten können – was der Verlag bewusst vermieden hat – ist davon bei der »Jagd« kaum etwas zu finden.

Und während ich »Spiegelmord «und »Nummer zwei« als solide, wenn auch ungewöhnliche Krimis bezeichnen würde, ist Claus Probst mit »Die Jagd« ein wirklich atemberaubender Thriller gelungen, den man kaum aus der Hand legen kann. Selten habe ich einen Roman erzählt in der ersten Person gelesen, bei dem man trotzdem lange Zeit im Dunkeln tappt.

Die Geschichte beginnt kurz vor dem Finale und wird in Rückblenden erzählt; nicht unbedingt in chronologischer Reihenfolge. Trotzdem verliert man nie den roten Faden, und trotz eigentlich abscheulicher Taten bleibt der Protagonist dem Leser immer (meistens) symphatisch. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Malerei; nicht alles ist so, wie es scheint. Puh, schwierig hierzu etwas zu schreiben, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten.

Fazit

Guter, spannender, brutaler und verstörender Thriller. Absolut empfehlenswert. 5 von 5 Sternen (ein Jammer, dass es kein Hörbuch gibt)

»Die Jagd«
Claus Probst
Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-03672-1
9,99 Euro

Hörprobe: Der Fluch des Spielmanns von Nike Leonhard

Auf der Suche nach aufnehmbaren Lesestoff bin ich an Nikes Leseprobe hängengeblieben. Habe sie aufgenommen, Nike geschickt und gefragt, wie es mit einer Veröffentlichung aussieht. Hat ihr gefallen. Hier also die Leseprobe ihrer Kurzgeschichte zum Hören :-)


Cover Wer sind die drei Geister, die Corvin jede Nacht heimsuchen und ihn sogar in die Hütte von Vater Gion verfolgen?

Corvins Beichte offenbart eine tragische Liebesgeschichte. Aber die Dinge sind weit komplizierter.

Der dritte Band des Codex Aureus entführt ins frühe Mittelalter; in eine Zeit, als der Hexenglaube noch höchst lebendig war und ein unbedachtes Wort tödliche Folgen haben konnte. Eine spannende Geister- und Gaunergeschichte.

Neugierig geworden? Auf der Seite der Autorin Nike Leonhard gibt es eine Leseprobe. Und hier eine von mir gelesene Hörprobe:

Datei im mp3-Format herunterladen

Mehr dazu bei Nike Leonhard - Fantasy und Historisches

Nicole Neubauer: Kellerkind

Nein, kein Mensch will Texte lesen, die von Anwälten verfasst wurden. Wie bei jeder Regel gibt es Ausnahmen.

Neulich auf Twitter bin ich über eine Namensvetterin gestolpert: Nicole Neubauer. Natürlich gleich auf »Folgen« geklickt und eine nette Antwort bekommen. Als ich dann mal genauer geschaut habe, wem ich da folge, ist mir die Kinnlade heruntergefallen: eine Krimiautorin! Damit war klar, was ich mit dem nächsten Audible-Guthaben anstelle. Gleich ihren ersten Roman »Kellerkind«, gelesen von Richard Barenberg, heruntergeladen.

Inhalt

CD-Cover Die erfolgreiche Anwältin Benninghoff wird mit durchgeschnittener Kehle in ihrer Münchner Mietwohnung gefunden. Im Keller entdeckt die Kripo einen vierzehnjährigen Jungen mit blutverschmierten Händen und jeder Menge Kratzern und blauen Flecken, der sich aber an nichts erinnern kann. Wie sich herausstellt, ist der Vater des Jungen ein einflußreicher Unternehmer, der dem Ermittlerteam um Hauptkommissar Waechter viele Steine in den Weg legt ...

Meinung

Die Geschichte spielt in einem frostigen, tiefverscheiten München. Auch die Themen sind düster: neben Mord geht es um Kindesmißbrauch.

Im Gegensatz zu vielen anderen Krimis gibt es in »Kellerkind« keinen einzelgängerischen Ermittler, der den Fall durch Scharfsinn löst. Wir erleben ein Team und erfahren eine Menge über ihr Privatleben. Der altgediente Kommissar Waechter hat ein Problem damit, Dinge wegzuwerfen, der energische Hannes wollte eigentlich Jurist werden und lebt vegan, Elli ist etwas stabiler gebaut, aber trotzdem flink (Spitzname Rennsemmel) und nicht auf den Mund gefallen. Schließlich gibt es noch einen Kollegen, den alle nur »Hüter des Schweigens« nennen.

Alle Personen fand ich sehr überzeugend geschildert. Auch die Ermittlungsarbeit scheint mir realistisch beschrieben. Keine Action am laufenden Band, sondern eine Menge nervtötender Routinekram.

Trotz aller Düsternis habe ich bei vielen Stellen schmunzeln müssen. Gott sei Dank, kann ich nur sagen. Solche Passagen müssen einfach sein, um Luft zu holen. Vorgesetzte und Anwälte bekommen ihr Fett ab. Laut gelacht habe ich bei der Szene, als Waechter seinem ausgehungerten Kollegen Hannes Kekse anbietet. Als der überzeugte Veganer den fünften Keks verschlungen hat, fragt er »Ist das etwa Milchschokolade?« und bekommt als Antwort »Freilich, von sadistischen Massentierhaltern den Kühen bei lebendigem Leib aus dem Körper gepresst!« (nicht wörtlich wiedergegeben; als Hörbuchkonsument ist es etwas mühsam, die Stelle wiederzufinden)

Von Richard Barenberg hatte ich bisher noch nichts gehört. In seinen Vorlesestil musste ich mich erst eine Weile einhören. Dann hat es mir gefallen. Den bayerischen, knurrigen Tonfall von Kommissar Waechter fand ich großartig (ist das im Buch in Dialekt geschrieben?), ebenso die kurze hessische Einlage bei einem Zeugen (wenn ich mich recht erinnere). Nicht zu vergessen die französisch angehauchten Passagen.

Fazit

Ein spannender, realistisch geschriebener Krimi mit sympathischen, menschlichen Ermittlern. Habe mir gleich den zweite Roman »Moorfeuer« (mit dem gleichen Team) heruntergeladen ;-)

Vier von fünf Sternen.

Leseproben auf der Webseite der Autorin, Hörprobe bei Randomhouse

»Kellerkind«, geschrieben von Nicole Neubauer
Blanvalet Verlag, ISBN 978-3-442-38337-5
Taschenbuch 9,99 Euro
Hörbuch gelesen von Richard Barenberg
mp3-Doppel-CD 14,99 Euro
Download 9,95 Euro

Southern-Reach-Trilogie

Irgendwer hatte Lobendes über die Southern-Reach-Trilogie von Jeff Vandermeer berichtet (Kris Köhntopp?). Weil ich noch Urlaubslektüre brauchte, habe ich den ersten Band bestellt.

Southern Reach ist eine dieser ominösen amerikanischen Behörden (warum hat die eigentlich keine 3-Buchstaben-Abkürzung?), die die geheimnisvolle »Area X« untersucht, ein verlassenes Küstenareal, das von einer Barriere unbekannten Ursprungs umgeben ist. Man hat verschiedene Expeditionen hineingeschickt mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen: eine ist spurlos verschwunden, bei einer haben sich alle gegenseitig massakriert, von einer kamen alle Teilnehmer zurück, können sich aber an kaum etwas erinnern. Band 1 ist das Tagebuch der Biologin, die mit der 12. Expedition unterwegs ist.

Die Geschichte läßt sich schwer in eine Schublade stecken. Mystery-Horror-Science-Fiction oder sowas wäre mein Etikett. Erinnert an Lovecroft. Weil der erste Band spannend war, aber kaum Erklärungen liefert, habe ich die restlichen Bände bestellt. Mal sehen.

Achtung Spoiler zu Band 2 (nicht lesen, wenn man Band 1 nicht kennt)

"Southern-Reach-Trilogie" vollständig lesen

Lesetipp: Die letzte Drachentöterin

Wie war das? Über 5 Ecken bzw. Personen kennt jeder Kevin Bacon?

So ähnlich bin ich zum Lesetipp von Jasper Ffordes »Die letzte Drachentöterin« gekommen. Ich habe Fabians Blog Mokita im Feedreader, der liest Isabel Bogdans Blog und die wiederum hat das Buch übersetzt. Was Fabian zum Lesen und Rezensieren angeregt hat.

Weil die Geschichte unter Jugendbuch läuft, bin ich beim letzten Leihbüchereibesuch in der Kinder- und Jugendabteilung eingefallen. Bei der Gelegenheit habe ich entdeckt, dass im gleichen Regal Lukianenko (?!) und die ganzen Cory-Doctorow-Romane stehen. Ha! Habe gleich »Pirate Cinema« mitgenommen.

Inhalt

Die Geschichte spielt in den Ununited Kingdoms, die Großbritannien sehr ähnlich sind, nur eben hat jedes Land seinen eigenen König. Und es gibt Zauberer. Und Drachen. Weil in dieser Welt auch Zauberer Geld für die Miete brauchen, haben sie sich in einer Firma zusammengetan. Mit dem fliegenden Teppich werden Pizza und Spenderorgane ausgeliefert, die Magier machen Elektroinstallation ohne Wände aufzubrechen.

Weil Zauberer keinen Funken Organisationstalent haben, wird ihre Firma von der fünfzehnjährigen Jennifer Strange gemanagt. Vertretungsweise, bis der eigentliche Boss irgendwann zurückkehrt. Jennifer wird auf Schritt und Tritt vom Quarktier begleitet, das zum Schreien gefährlich aussieht, aber treu wie Gold ist.

Als die Hellseher der Ununited Kingdoms eine Vision vom Tod des letzten Drachen haben, gerät die Welt aus den Fugen ...

Meinung

Ich habe noch nie so recht verstanden, warum manche Bücher unter Jugendroman einsortiert werden. Vielleicht weil in denen unnötiges Gedöns ;-) weggelassen und die Geschichte elegant, kurz und knackig erzählt wird. Und die Helden minderjährig sind. Zumindest bei diesem Buch ist das so. Die skurilen Figuren und die Handlung erinnern stark an die Bücher von Terry Pratchett oder Ben Aaronovitchs Serie um den magischen Police Constable Peter Grant.

Wie sich Jennifer gegenüber grummeligen Zaubererinnen und sogar Königen durchsetzt ist einfach großartig. Sie schlägt sich tapfer im Kampf gegen die Bürokratie und hat das Herz auf dem rechten Fleck (ok, fünf Euro ins Phrasenschwein).

Fazit

Gute Unterhaltung. Zauberhafte Pendlerliteratur. Und es gibt schon eine Fortsetzung! Danke für den Tipp, Fabian :-)

Still von Zoran Drvenkar

Buchcover Der ungewöhnlichste Thriller, den ich seit langem gelesen habe. Zoran Drvenkar erzeugt eine so beklemmende Atmosphäre, dass ich dieses Buch zwar empfehlen kann, allerdings nicht für jedermann.

Inhalt

Ein Mädchen wird entführt. Weil die Ermittlungen der Polizei erfolglos bleiben, recherchiert der Vater auf eigene Faust. Das entwickelt sich zu einer Manie, durch die seine Ehe in die Brüche geht. Er geht soweit, dass er sich eine andere Identität zulegt und versucht, in die Gruppe der mutmaßlichen Kinderschänder aufgenommen zu werden.

Meinung

Das Thema geht unter die Haut. Durch die wechselnden Erzählperspektiven (Ich = der Protagonist, Du = eines der Opfer, Sie = die Täter) zusammen mit der nicht linearen Erzählweise entsteht eine Geschichte, die man ebenso manisch weiterverfolgen MUSS. Wie ein Autounfall: man will nicht hinsehen, kann aber auch nicht wegschauen.

Ich habe mir die Hörbuchfassung von Christoph M. Herbst angehört und bin (wieder einmal) erschlagen von seinem Vortrag. Ganz, ganz groß.

5 von 5 Sternen

»Still« von Zoran Drvenkar
ISBN 978-3945386002, 16,95 Euro
Hörbuch gelesen von Christoph M. Herbst
Der Audio Verlag, z. Zt. wohl nur noch als Download erhältlich

Gute alte "grüne" Ausgabe

Beim Label Ohrenkneifer erscheint ja demnächst das Karl-May-Hörspiel »Old Firehand«. Die Geschichte ist eigentlich jedem May-Fan bekannt; schließlich ist sie Teil von »Winnetou II«, Band 8 der gesammelten Werke.

Eigentlich.

Denn das Hörspiel orientiert sich am Urtext, Mays erster (?) Wildwestgeschichte, die in Band 71 »Old Firehand« enthalten ist. In der alten Version ist einiges anders: statt des Sohnes Fred hat Old Firehand eine Tochter, Winnetou skalpiert getötete Feinde ... überhaupt ist alles etwas rauer und blutiger.

Weil ich schon immer eine Schwäche für Karl May hatte, habe ich mir deshalb seit ewigen Zeiten mal wieder einen der grünen Bände gekauft, eben den »Firehand«. Macht einfach Spaß, den Text in dieser Form zu lesen. Da können mir diese ganzen E-Book-Reader gestohlen bleiben ;-)

Wer sich den Text online ansehen will: geht beim Projekt Gutenberg.

Lesetipp: Wolfgang Schorlau

Wer auf der Suche ist nach spannender, anspruchsvoller Lektüre mit Bezug zur jüngsten Geschichte bzw. zu sozialkritischen Themen (Privatisierung der Wasserversorgung, RAF, Oktoberfestattentat, fleischverarbeitende Industrie), sollte sich Wolfgang Schorlaus Webseite ansehen.

Herr Schorlau hat unter anderem sieben Kriminalromane geschrieben. Erzählt werden die Fälle des ehemaligen BKA-Fahnders Georg Dengler, der als Privatdetektiv in Stuttgart arbeitet. Leseproben und beachtliche Hintergrundinfos zu den Themen gibt es auf seiner Webseite schorlau.com.