Dienstag, 25. Oktober 2011

Saxophonistenkrankheit (2)

– Fortsetzung von Saxophonistenkrankheit

Die Ankündigung der Firma Drake, demnächst eine Kopie des Mundstücks von Dexter Gordon auf den Markt zu bringen, hat mich beschäftigt. Dabei sind durch Internetrecherchen die folgenden Ergebnisse zusammengekommen, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Bitte behaltet beim Lesen des folgenden Texts im Kopf, das vieles nur Spekulation ist! Außerdem ist der Text nur für Saxophonisten geeignet.

Und ganz wichtig: Der Sound entsteht im Kopf! Instrument und Mundstück sind nur Werkzeuge, die helfen, die Klangvorstellung zu verwirklichen! Denkt an Charlie Parker: der hat auf jedem Foto ein anderes Mundstück und Instrument und klingt trotzdem fast immer gleich.

Dexter Gordon hat im Lauf seiner Karriere anscheinend nur wenige Mundstücke gespielt: ein Otto Link, das Anfang der 50er Jahre gestohlen wurde; danach ein Bob Dukoff 5* (»Hollywood«), das Anfang der 60er Jahre zusammen mit seinem Conn-Saxophon in Paris geklaut wurde; anschließend ein Link auf einem Selmer Mark VI. Das Poster in meinem Wohnzimmer zeigt Dexter 1949 mit einem Mundstück mit weißer Bissplatte. Beim Link waren die meines Wissens immer schwarz, bei Dukoff weiß.

Hat mich gewundert, dass Gordon ein für heutige Verhältnisse extrem enges Mundstück wie das 5* gespielt hat. Damals wurde das anscheinend als mittlere Öffnung betrachtet.

Laut Mail von Aaron Drake soll deren Gordon-Mundstück Mitte Dezember auf den Mark kommen. Welches Modell kopiert wurde (Hersteller, Bahn, Quelle), konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Vermutlich spielen da auch Patentrechte eine Rolle.

Beim Suchen habe ich gelernt, dass gebrauchte Dukoff »Hollywood« und alte Links in optisch erbärmlichen Zustand zu unglaublichen Preisen gehandelt werden. Und dass Vintage-Link-Kopien wie Theo Wannes »Gaia« (siehe dazu auch den Testbericht von Jörg Kaufmann) nicht billiger sind. Vermutlich wird auch das Drake-Mundstück einen hohen Preis haben.

Fazit: ich beherzige Dexter Gordons Rat, keine Zeit auf die Mundstücksuche zu verschwenden. Weil die Musik (und der Sound) im Kopf entsteht. Und lasse mir heimlich das Dexter-Gordon-Teil von Drake zur Ansicht schicken. So lange spiele ich das 5er Metall-Link, das ich vor Jahrzehnten gekauft und jetzt wieder aus der Truhe geholt habe.

Nachtrag: Dummerweise entdeckte ich beim Händler ein gebrauchtes Bob Dukoff Hollywood 5*. Habe ich mir zur Ansicht kommen lassen. Ausprobiert und behalten.


Quellen


Auszug aus einem 1962 geführten Interview von jazzprofessional.com mit Dexter Gordon:

» [...] I’ve made very few changes in mouthpieces and reeds. During the time of “The Chase,” I had an Otto Link mouthpiece which had been made for me and I used that until it got stolen around ‘52 or so. That’s when I got the mouthpiece I have now. However, they’re both metal mouthpieces. So in the last 17 or 18 years or so I guess I’ve had just the two mouthpieces.I use a medium strength reed. I’ve been using a La Voz for several years. It’s made in California and I think it’s the best reed on the market myself. It’s pretty consistent.

I kinda feel sorry for guys that constantly go through the mouthpiece and reed scene. I wonder how they do it. It must be a real panic scene. Naturally the mouthpiece, the reed and the horn you use are all very essential, but basically your tone, your sound is inside of you. You hear it before you produce it. The real ingredient of the sound is within the individualthe way he hears things.

Actually this present mouthpiece of mine is relatively small. It’s just medium–size—a five–star. It’s been straightened out a little bit, but it’s not a big mouthpiece. It blows very free and gets a nice substantial sound. Most people are surprised because they think it’s a much larger mouthpiece than it is. They think it’s maybe an eight or nine or something like that, but it’s not. So that’s why I say it’s the projection that counts. [...]«


Wikipedia über Dexter Gordon:

» [...] He played a Conn 10M 'Ladyface' tenor until it was stolen in a Paris airport in 1961. He then switched over to a Selmer Mark VI. His saxophone was fitted with an Otto Link metal mouthpiece, which can be seen in various photos. [...] «

Zitat aus Theo Wannes Blogbeitrag The Dexter Gordon Dukoff Mystery Solved!:

» [...] Dexter Gordon played on a Conn 10m and a Dukoff BD Hollywood tenor saxophone mouthpiece during the Blue Note era until the mid-sixties. [...] Jean Philippe Dubrun recently contacted me and shared that he has acquired a Dukoff BD Hollywood tenor mouthpiece stamped “DG Special” on the side. It’s a 6* tip opening, serial number V173. It has the large chamber, rounded inner side walls and a slight rollover baffle, so is definitely the large chamber BD Hollywood produced in 1949 which was made in two halves silver soldered together. [...] «

Bilder von alten Bob Dukoff Mundstücken bei Theo Wanne.


Fundsachen zu Stan Getz

http://forum.saxontheweb.net/showthread.php?62929-Stan-Getz-Setup:

  • 1945-1950: used a metal 4* Tone Master (Used during his stint with the Benny Goodman Band.)
  • 1950-1954: used a White Streamline Brilhart mouthpiece #7.
  • 1954-1956: used a Rubber Berg Larsen (used during an album Gerry Mulligan.)
  • 1957-1971: began to use an early Florida Model rubber 5* in 1957 because it was easier to play ballads on. Used this model throughout the Bossa Nova sessions until the 1964 Carnegie Concert with Joao Gilberto where Stan used a rubber Vandoren T-20 mouthpiece because his sax and mouthpiece were stolen. Stan began using #5 strength reeds during the Bossa Nova years and the Chick Corea sessions in 1967-68.
  • 1971-1974: Getz traded his Link for a modified Bobby Dukoff #5 Hollywood model and an old refaced metal Selmer C**.
  • 1974-1988: Getz returned to his old set-up of the rubber Link by having two custom tailored Links, a refaced 7* Florida Model and a refaced early Babbitt 5*. The Babbitt was refaced by Ben Harrod.

Wie die Sache ausging: Saxophonistenkrankheit 3.

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0 Kommentare zu "Saxophonistenkrankheit (2)"

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2 Trackbacks zu "Saxophonistenkrankheit (2)"

  1. u1amo01 06/12/2011 um 21:34
    Fortsetzung von Saxophonistenkrankheit (2) Zufällig habe ich bei einem Online-Händler das gleiche Mundstückmodell entdeckt, das Dexter Gordon bei seinen berühmten Blue note Aufnahmen (»Go«, »Doin’ allright«, »A Swinging Afair&#
  2. u1amo01 03/06/2013 um 11:48
    Kaum ein Saxophonist, der nicht daran leidet. Die Suche nach dem heiligen Gral perfekten Mundstück. Als Anfänger habe ich mich lange mit einem »Ed Sperber« herumgequält und bin schier verzweifelt. Ein Freund empfahl mir dann ein »Otto Link

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Letzte Worte

Mi, 16.04.2014
Sorgt auf jeden Fall für einen hervorragenden Testcase. Danke dafür! :) Und wir werden die Fehler schon ausbüge […]
Mi, 16.04.2014
“… alles wird gut. Fast.” Da musste ich lächeln. Es wird nie alles gut! Sonst wäre ja die Geschichte schon vorbei!
Fr, 11.04.2014
Nö, es muss nicht Original Nikon sein. Ich hab auch ein Zeiss ;-) 70 ist vielleicht ein bisschen knapp; 120 wär […]
Fr, 11.04.2014
Ja, stimmt. Wenn ich mir überlege, wie Abzüge vom 400-ASA-Film aussahen – Korn soweit das Auge reicht. Ich will […]
Christian Wöhrl zu Welches Zoom von Nikon?
Fr, 11.04.2014
Bestehst du auf Nikon-Original? Wenn dir obenrum 70mm ausreicht, gäbe es von Tamron noch ein 24-70 mit durchgängig […]
Fr, 11.04.2014
*Hmmm Fragen zu Objketiven? Frage 10 Fotografen, erhalte 20 Antworten ;-) Ich halte mittlerweile die Lichtst […]
Klaus zu Blogjubiläum
Mi, 09.04.2014
Danke :-) Nun, Serendipity versieht jede Beitrags-URL mit einer fortlaufenden Nummer. Außerdem wird die Anzahl […]